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NACHTRAG:  1945 und später                       

DIE WELLEN DER OSTSEE

Wir werden nie erfahren, wie viele Todesopfer die Tragödie des Unterganges der „Gustloff“ wirklich forderte, da die Mannschaft die Übersicht verlor, als tausende Flüchtlinge das Schiff stürmten und jeden Winkel, jeden Gang, ausfüllten. Einig sind sich Historiker jedoch über eines: Der Untergang der Gustloff ist die größte Schiffskatastrophe aller Zeiten. Über Jahre hinweg schwankte die Zahl derer, die ihr Leben verloren zwischen 5000 und 10000. Inzwischen wird generell angenommen, dass es weit über 9000 waren. Diese Zahl wurde kürzlich von einem Team des Discovery Channels bestätigt, dass sich mit „ungelösten Fällen“ beschäftigt.

Die Nachricht über den Untergang der „Gustloff“ wurde in der verbleibenden Zeit des dritten Reiches nicht verbreitet. Offensichtlich konnte und wollte es Hitler nicht zulassen, dass – gerade in den Zeiten des zusammenbrechenden Reiches – weitere schlechte Nachrichten bekannt wurden. In den westlichen Ländern der Alliierten blieb die Katastrophe – mit Ausnahme weniger Artikel in kleineren Zeitungen – unerwähnt. In den Zeitungen der Sowjetunion gab es keine Hinweise über den Vorfall. Es schien, als hätte die Katastrophe nie stattgefunden. Merkwürdigerweise ist die einzige Nachricht eine Titelstory in einer Zeitung „Nachrichten für die Truppe“, die von alliierten Bombern über den verbleibenden Truppenteilen der Deutschen gegen Ende des Krieges abgeworfen wurde.

Man könnte annehmen, dass Marineskos Schwierigkeiten mit dem NKWD (später KWD) durch in den Hintergrund traten, da er mit der Gustloff das größte Ziel der Geschichte getroffen hatte. Weiterhin war er für den Untergang eines weiteren Schiffes verantwortlich: am 9. Februar 1945 sank die 15.000 Tonnen schwere Steuben in nur 7 Minuten und 3000 Menschen verloren ihr Leben.

Doch Marinesko wurde – im Gegensatz zu seinen Gegenspielern, die es wesentlich einfacher hatten-  nicht zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt. Er war ein gezeichneter Mann – sein Charakter und sein Handeln war unvereinbar mit den Idealen der Sowjetunion. Trotz seinen Bemühungen, für seine Leistungen belohnt zu werden, wurde er im Oktober 1945 unehrenhaft aus der Marine entlassen. Er wurde auch weiterhin von Schwierigkeiten verfolgt. Nach einer Beschäftigung in einer staatlichen Institution wurde Marinesko der Feindpropaganda verdächtigt, nachdem er mit einem Vorgesetzten aneinander geraten war. Man verurteilte ihn zu drei Jahren Zwangsarbeit in Sibirien. Dem Glück und Umsichtigkeit ist es zu verdanken, dass er überlebte: er überzeugte die Führung, dass er im Hafen bessere Arbeit als in einer Mine leisten könne. In den Minen kamen Tod und Verderben oft schnell.

Nur durch Glück und Umsichtigkeit überlebte er. Er überzeugte die Führung, dass er am besten im Hafen als in der Mine die beste Arbeit leisten könne, denn in den Minen kamen Tod und Verderben oft schnell. Doch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich: unbemerkt wuchs ein Krebsgeschwür in seinem Körper und dann brach die Krankheit aus.

Anfang 1960 wurde Marinesko rehabilitiert und wieder als Kapitän dritten Ranges eingesetzt und erhielt eine Pension. Im Oktober 1963, achtzehn Jahre nach dem Untergang der „Gustloff“, erhielt er während einer traditionellen Zeremonie die Ehrung für den erfolgreichen Abschluss dieser Mission. Drei Wochen später starb er an Krebs aber zumindest mit dem Wissen, dass sein Wirken nun anerkannt war. 1990 erhielt Marinesko posthum von Michael Gorbatschow die Ehrung „Held der Sowjetunion.“ 

Heute wird Marinesko in Russland als Held verehrt und das besonders von den U-Bootmännern, die ihn als absolute Ikone feiern. Die offizielle Kenntnis Russlands war die, dass die „Gustloff“ nur mit Kriegsmaterial beladen war. Kein Wort fiel über die tausenden von  Flüchtlingen, die sich an Bord befanden. 

Während des zweiten Weltkrieges blieb David Frankfurter in der Schweiz eingekerkert.

Am 27. Februar 1945 – neun Jahre nach dem Mord an Gustloff – reicht er ein Gnadengesuch ein. Weniger als einen Monat nach der Kapitulation Deutschlands wird im dieser Wunsch gewährt und er wurde des Landes verwiesen.

Er wanderte nach Palästina aus und ließ sich in Tel Aviv, wo er für das israelische Verteidigungsministerium arbeitete, nieder. 1969 widerrief die Schweizer Regierung die Anordnung zur Ausweisung. Unmittelbar danach besuchte Frankfurter die Schweiz als freier Mann. Frankfurter starb 1982 im Alter von 73 Jahren in Israel.

Heinz Schön, Zahlmeister an Bord der „Gustloff“ in Gotenhafen, wurde zum weltweiten Experten im „Fall Gustloff“. Er schrieb zahlreiche Bücher und unterstützt viele Projekte. Zurzeit leitet er in seiner Heimatstadt Bad Salzufflen das „Gustloff-Archiv“.

 


"The Forgotten Ship" by M.O. Cahill  ©2004

Im Gegensatz zur Titanic brauchte man nur wenige Jahre, um herauszufinden, wo das Wrack der „Gustloff“ liegt. Eine genaue Position wurde während des Unterganges aufgezeichnet. Bei 55 Grad, 07 Minuten Nord und 17 Grad, 41 Minuten Ost, ruht sie in 45 Metern (150Fuss) Tiefe in den seichten Gewässern der Stolpe Bank.

Einige Zeit nach dem  Ende des Krieges wurde berichtet, dass die Russen das Wrack aufsuchten, um nach Objekten zu suchen, die ihr Interesse geweckt hatten. Gerüchten zu folge soll sich an Bord der verschwundene Schatz der Russen – das legendäre Bernsteinzimmer – befunden haben. Sie sprengten das Mittelschiff, um Nachforschungen anzustellen – doch dies blieb erfolglos. Schiffsteile – darunter die Anker und Schiffsschrauben – wurden entwendet.

Heute ist das Wrack eine offizielle Grabstätte und es ist nur einer begrenzten Anzahl von Tauchern ist es erlaubt, zum Wrack zu tauchen. Für die Tauchgänge muss eine Genehmigung der polnischen Behörden vorliegen. Im Jahr 2003 startete Mike Boring mit seinem Team einen Tauchgang.

Wichtiger ist, dass Überlebende und Familienmitglieder der verlorenen Seelen noch heute von den Erinnerungen an das Ereignis verfolgt werden. Viele Jahre lang konnten die meisten Überlebenden nicht über die erlebte Tragödie sprechen. Sie – und auch die deutsche Nation - vergruben die Erinnerungen an den Untergang tief in ihrem Inneren. Nun – 40 bis 50 Jahre nach dieser schrecklichen Katastrophe in der unerbittlichen Ostsee – haben sich einige der Menschen geöffnet und erzählen von dem Erlebten.

Die Menschen müssen noch viel lernen. Wie ihr Wrack in den seichten Gewässern der Ostsee, so bleiben auch die Gustloff und ihre Geschichte verborgen im Unterbewusstsein der Gesichte.

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